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Digitalisierung - Herausforderungen für die Berufsbildung und …

Digitalisierung - Herausforderungen für die Berufsbildung und Weiterbildung

Mehr als 100 Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus dem gesamten Bundesgebiet trafen sich am 14. September 2017 in Berlin zur Bildungspolitische Fachkonferenz "Digitalisierung - Herausforderungen für die Berufsbildung und Weiterbildung", um sich über den Stellenwert von Digitalisierung für die Berufsbildung im Dienstleistungsbereich zu informieren und zu diskutieren.

Nach der Begrüßung durch Ute Kittel, Mitglied des ver.di Bundesvorstandes, ging Klemens Himpele, Leiter der Magistratsabteilung 23 - Wirtschaft, Arbeit und Statistik der Stadt Wien, in seinem Vortrag der Frage nach wie sich Digitalisierung - auch in Bezug auf Berufsbildung - auswirkt.

  • Vortrag "Digitalisierung und Herausforderungen für die Berufsbildung"

    In seinem Beitrag weist Klemens Himpele darauf hin, dass sich menschliche Arbeit schon immer weiterentwickelt hat und damit verbunden deren Organisationsformen geändert. Alleine die Liste der historischen Berufe auf Wikipedia lässt erahnen, welch starkem Wandel die Arbeitswelt unterworfen ist. Manche Tätigkeiten verlieren im Laufe des technischen und gesellschaftlichen Fortschritts ihre Bedeutung, andere verändern ihre Form, und das Ende der Arbeit wurde schon oft ausgerufen. Nichts Neues, könnte man also meinen. Ganz so einfach ist es jedoch nicht, denn Veränderungen der Arbeit haben auch in der Vergangenheit zu sozialen Verwerfungen geführt, man denke nur an die industrielle Revolution und den damit entstandenen Druck auf das Handwerk. Entsprechend ist es an der Zeit, die Diskussion um das Phänomen Digitalisierung zu erden und sich damit auseinanderzusetzen, wie die sozialen Folgen des Wandels abgefedert werden können.

    In seinem Fazit kommt er zu dem Schluss, dass die Digitalisierung, d.h. der technische Fortschritt nicht als Bedrohung angesehen werden sollte, sondern als Möglichkeit zur Veränderung. Denn letztlich geht es um die Frage, wie wir leben und arbeiten wollen und wie Einkommen und Arbeit verteilt werden. Die Gestaltung der Arbeitswelt in einer Umbruchsituation war letztlich der Gründungsgrund von Gewerkschaften im Zuge der industriellen Revolution. Insofern kommt die alte/neue Kernaufgabe wieder auf die Gewerkschaften zu.


Daran anschließend setzte sich eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion mit der Frage auseinander, welche Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten es für die Digitalisierung gibt. Aus Sicht von ver.di, des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, des Bundesinstituts für Berufsbildung, des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und nicht zuletzt aus Sicht der beruflichen Praxis wurde hier berichtet und diskutiert.

  • Podiumsdiskussion "Digitalisierung: Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten"

    Ziel der Podiumsdiskussion war es, Herausforderungen der Digitalisierung und Handlungsmöglichkeiten aus unterschiedlichen Perspektiven zu benennen. Mit dabei waren Kerstin Thorwirth Sprecherin der Bundesarbeitsgruppe Archive, Bibliotheken, Dokumentationseinrichtungen in ver.di für eine betriebliche Perspektive, Ute Kittel, Mitglied des ver.di Bundesvorstandes für die ver.di-Perspektive, Dr. Monika Hackel Abteilungsleiterin Struktur und Ordnung der Berufsbildung des Bundesinstituts für Berufsbildung für die Perspektive der Ordnung der Berufe, Dr. Esther Hartwich Bereichsleiterin Ausbildung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag für die Perspektive des Handwerks sowie Benjamin Mikfeld, Abteilungsleiter Grundsatzfragen des Sozialstaats, der Arbeitswelt und der sozialen Marktwirtschaft des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales für die ministerielle Perspektive.

    Entsprechend weit gefächert waren die angesprochenen Themen. Diskutiert wurden die konkreten Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigten und den Möglichkeiten, wie betriebliche Interessenvertretungen hier Einfluss nehmen können. Im Vordergrund standen entsprechend dem Programm der Tagung die Auswirkungen auf das berufliche Bildungssystem. Dies betrifft einerseits die Ausbildung mit allen Facetten von der Neuordnung bis zu den veränderte Anforderungen an den betrieblichen Teil ebenso wie den schulischen Teil. Andererseits das lebenslange Lernen und der Notwendigkeit hier einen Gestaltungsrahmen neu zu schaffen und diesen zu nutzen. Natürlich blieben hier mögliche Systeme der Sicherung von Lernzeit und Regelungen der Finanzierung auch nicht außen vor.




In den vier nachfolgenden Workshops ging es um die Fragestellungen:

  • Wie verändern sich Berufe?
  • Wird die Akademische Bildung die Berufsbildung im Betrieb verdrängen oder werden auch mit der Digitalisierung beide Qualifizierungen gebraucht?
  • Welche Auswirkungen hat es auf das Prüfungsgeschehen und die Ausbildung, wenn Prüfungen zukünftig online erfolgen und auch online ausgewertet werden?
  • Wie muss Weiterbildung unter dem Vorzeichen Dienstleistung 4.0 erfolgen?
  • Workshop "Zukunft der Berufsbildung im Betrieb und der akademischen Bildung"

    Der Input in diesen Workshop erfolgte durch die Präsentation erster Ergebnisse und erster Handlungsempfehlungen des Projektes „Akademisierung der Berufsbildung“, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung, durchgeführt an der Fernuni Hagen unter Mitwirkung von ver.di.

    Untersucht wurde anhand qualitativer Fallstudien in Betrieben aus den Branche Einzelhandel, IT und Metall/Elektro welche Herausforderungen für die duale Berufsausbildung vor dem Hintergrund einer deutlich angestiegenen Studierendenquote zu erwarten sind.

    Relativ eindeutig zeigt sich, dass Digitalisierung in Form eines erhöhten Qualifizierungsbedarfs nur in einzelnen Fällen zu einer Akademisierung in den Betrieben führt. Einen Drift in Richtung eines größeren Anteils Akademiker in den Betrieben resultiert in einem stärkerem Maße aus dem individuellen Wahlverhalten junger Menschen – und deren Eltern – hinsichtlich ihrer individuellen beruflicher Bildungswege. Entsprechend werden Handlungsempfehlungen zur Stärkung der dualen Berufsausbildung formuliert.

    Deutlich wurde hervorgehoben, dass ein Ausspielen der beiden Berufsbildungssysteme (Hochschulausbildung und duale Berufsausbildung) gegeneinander, nicht im Interesse von ver.di ist. Beide Bildungspfade habe ihre Berechtigung, allerdings muss ihr Verhältnis zueinander neu austariert werden. Eine große Bedeutung kommt hierbei der Durchlässigkeit zu.

  • Workshop "Wie verändern sich Berufe?"

    Themenschwerpunkte der Diskussion:

    • Wie wird mit Digitalisierung bzw. Arbeit 4.0 in Unternehmen umgegangen, um diesen Wandlungsprozess erfolgreich zu gestalten?
    • Welche Qualifikationsinhalte und Kompetenzen müssen bei der Novellierung bestehender oder künftiger Ausbildungsordnungen aufgenommen werden?
    • Wenn bestehende Berufe mit Blick auf Digitalisierung neu geordnet werden, steht zwingend die Frage: Welche Konsequenzen und Kompetenzanforderungen ergeben sich für die Ausbildungs- und Prüfungsanforderungen, für das Ausbildungspersonal, für Berufsschulen und für Prüfer_innen?

    Zusammenfassung und Ergebnisse:

    • betriebliche Akteure erwarten konkrete Hinweise und Hilfestellungen, den Transformationsprozess der Arbeit erfolgreich gestalten zu können
    • großer Bedarf an Vernetzung und Qualifikation der Akteure in der beruflichen Aus- und Weiterbildung
    • strikte Ablehnung von Modularisierung in der Ausbildung
    • künftige Gestaltung von Ausbildungsordnungen mit drei Säulen (wie bisher): Inhalt, Struktur, Prüfungsanforderungen/Instrumente
  • Workshop "Online Prüfungen und Ausbildung im Betrieb"

    Digitalisierung wirkt sich aktuell schon umfänglich in der Berufsbildung aus, korrespondierend dazu selbstverständlich auch die Prüfungen in Aus- und Fortbildung. Um über den aktuellen Stand und zukünftige Entwicklungen im Prüfungswesen zu informieren, wurden als Referenten für den Workshop eingeladen:

    • Andreas Bähre, Geschäftsführer der ZPA-Nord-West (Zentralstelle für Prüfungsaufgaben)
    • Gerd Labusch, Sachverständiger in Neuordnungsverfahren und Prüfungsaufgabenersteller

    Beispielhaft wurden rechnergestützte Prüfungen anhand der Ausbildungsberufe Servicekaufmann/-frau im Luftverkehr und Investmentfondskaufmann/-frau vorgestellt. Unstrittig blieb, dass Computer als „Handwerkszeug“ in Ausbildung und Prüfung sinnvoll und notwendig sind, allerdings konkrete Anforderungen erfüllen müssen. Sie sollen

    • betriebliche Prozesse abbilden können,
    • Phasen einer vollständigen Handlung beinhalten und
    • komplexe Prüfungsanforderungen umsetzen können.

    Intensiv wurde darüber diskutiert, inwieweit Programme, die zur Auswertung schriftlicher Prüfungsaufgaben eingesetzt werden, geeignet sind fehlerfreie Ergebnisse zu erzielen. Die Gewerkschaftsvertreter stellen fest, dass Auswertungsprogramme dazu nicht in der Lage sind und beispielsweise Folgefehler nicht erkennen und entsprechend korrekt bewerten können. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass durch den Einsatz dieser Auswertungsprogramme die Zuständigkeiten der Prüfungsausschüsse erheblich reduziert werden, weil die von Programmen festgestellten Ergebnisse in der Regel nicht mehr überprüft werden.

    Gewerkschaftliche Forderung: Verzicht auf den Einsatz von Programmen zur Auswertung von schriftlichen Prüfungsaufgaben bis fehlerhafte Bewertungen ausgeschlossen sind.

  • Workshop "Weiterbildung 4.0"

    Der Workshop hatte zwei Schwerpunkte:

    Wir haben erstens über die Strukturen des gegenwärtigen Weiterbildungssystems diskutiert, auf die die Forderung nach Weiterbildung 4.0 trifft. Wir haben zweitens am Beispiel der Studie des ver.di-Landesbezirks Baden-Württemberg zu den technologischen Trends in den Branchen Logistik ,Handel und Finanzdienstleistungen konkret die Auswirkungen auf Arbeit und Qualifizierung debattiert sowie die sich daraus ergebenden Anforderungen an die betrieblichen Mitbestimmungsakteure, wie sie im Handlungsleitfaden als Teil der Studie formuliert sind.

    Für beide Schwerpunkte ist festzuhalten, dass es für ver.di wichtig ist, die richtigen Fragestellungen zu identifizieren. Ziel ist es, die politischen Aufgabenfelder bei diesem Zukunftsthema in ver.di klarer festzulegen und gleichzeitig neue Impulse zu geben für die intensive, aber zum Teil vereinfachende und pauschalisierende öffentliche Diskussion über Weiterbildung 4.0.


Den Abschluss bildete ein Gespräch zwischen den Bereichen Innovation und Gute Arbeit und Berufsbildungspolitik zu Fragen gemeinsamer Ziele, Arbeitsschwerpunkte und der Zusammenarbeit beider Bereiche.

Als Ergebnis der Konferenz ist es geplant eine Workshop- Reihe einzurichten, in der Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachdisziplinen gemeinsam mit dem Bereich Berufsbildungspolitik und mit dem Thema befassten Kolleginnen und Kollegen aus den Fachbereichen ganz konkrete Fragestellungen zu Bildung und Digitalisierung im Dienstleistungsbereich bearbeiten.