Weiterbildungspolitik

Webbasierte Weiterbildung im Rahmen von ESF-geförderten Projekten

Webbasierte Weiterbildung im Rahmen von ESF-geförderten Projekten

(von Dr. Roman Jaich)

Befördern Kontaktbeschränkungen und Hygienemaßnahmen den Einsatz webbasierter Weiterbildungsmaßnahmen? Dieser Frage wird nachgegangen, indem Projekte des aus Mitteln des ESF-geförderten Programms "Fachkräfte sichern: weiter bilden und Gleichstellung fördern" des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) - das größte sozialpartnerschaftlich aufgestellte Programm in Deutschland - in den Blick genommen werden. Im Rahmen des Programms werden in 167 Projekten Maßnahmen der betrieblichen Weiterbildung, aber auch der Gleichstellung, durchgeführt, zahlreiche davon in von ver.di organisierten Branchen. Dazu gehören z. B. 32 Projekte aus dem Gesundheitswesen, sechs aus der Ver- und Entsorgung sowie ebenfalls sechs aus dem Handel.

Maßnahmen der betrieblichen Weiterbildung im Rahmen dieser Projekte haben ebenso, wie Qualifizierungen in anderen Segmenten der Weiterbildung, erhebliche Einbrüche aufgrund der Corona-Pandemie zu verzeichnen. Bei der betrieblichen Weiterbildung kommen zwei Faktoren zusammen, die die Durchführung beeinträchtigen. Zum einen durften Präsenzveranstaltungen aufgrund der Kontaktbeschränkungen bis Ende Juni nicht stattfinden, zum anderen richten viele Betriebe in dieser Zeit ihr Hauptaugenmerk nicht unbedingt auf Weiterbildung, hinzu kommen Kurzarbeit oder auch Betriebsschließungen.

Von den Projektträgern werden verstärkt webbasierte Lernformate eingesetzt, um Qualifizierungsmaßnahmen durchführen zu können. Dies bleibt auch unverändert in Zeiten der Lockerungsbeschränkungen relevant, denn die weiterhin anzuwendenden Hygiene- und Kontaktregeln führen dazu, dass Präsenzveranstaltungen nur unter erschwerten Bedingungen durchgeführt werden können.

Zur Unterstützung der Projekte werden von der Regiestelle des Programms, deren Umsetzung begleitet und Workshops zum Austausch von Möglichkeiten im Umgang mit Web-Seminaren durchgeführt. Hier ergibt sich auch abzufragen, wie der Stand von webbasierten Qualifizierungen bei den Projekten ist. Auf die Frage, an die Teilnehmer*innen, ob diese ihre Qualifizierungsangebote - auch teileweise - aufgrund der Pandemie auf digitale Formate umgestellt haben, antworteten immerhin ca. 85 % mit "Ja". Wenn man allerdings ins Detail geht und mit Projektverantwortlichen über die Umsetzung spricht, stellt man fest, dass der große Durchbruch für webbasierte Lernformate noch aussteht:

  • Beispielsweise bei der Business Academy Marburg werden nach längerer Abwägung noch keine Web-Schulungen umgesetzt, obwohl man dort von den Erfahrungen des Partners, der Steinbeis-Hochschule Berlin, profitiert, die ihr gesamtes Hochschulangebot derzeit webbasiert durchführt. Die beteiligten Akteure/Einrichtungen im Projekt "KAA 4.0 - Digitale Inklusion" haben sich darauf geeinigt, dass die Maßnahmen mit zeitlicher Verschiebung weiterhin in Präsenz durchgeführt werden, da sie davon ausgehen, dass dann Lerneffekte im direkten interaktiven Miteinander größer und persönliche Effekte eher zu erzielen sind. Webbasiert findet jedoch die Kommunikation zwischen den Projektpartner*innen statt. Ob webbasierte Qualifizierung in dem gerade angelaufenen Projekt "Trans-Net - Personalentwicklung und Veränderungen im Krankenhaus" einen größeren Stellenwert erhält, wird derzeit mit den Partnern geklärt. Die Business Academy Marburg plädiert insgesamt für die Nutzung von blended-learning-Angeboten, die sich im neuen Projekt durch eine Verzahnung von Präsenzlernen und Online-Coaching-Formaten abbilden könnte. Die Pandemie wurde zudem als Anlass genommen, sich intensiver mit anderen Projektträger aus der Gesundheitsbranche digital zu vernetzen, um sich auszutauschen und von den Erfahrungen der anderen zu profitieren. Dadurch ist eine interessante Netzwerkerweiterung erfolgt, die in Abstimmung mit der Regiestelle zustande kam.

  • Beim Bildungswerk ver.di in Niedersachsen war der erste Schritt die Abkehr von Präsenzveranstaltungen im Projekt "Laurentio – Gute und gesunde Arbeit bei Flughafenfeuerwehren" und die Durchführung von Selbstlernphasen mit Handouts zur Unterstützung. Webbasiert und digital geht es dann aber in den anschließenden Feedback-Runden zu. Aktuell arbeitet man im Bildungswerk an einer webbasierten Qualifizierungsmaßnahme. Dafür sind jedoch einige Herausforderungen zu meistern. Das Bildungswerk selber ist technisch gut aufgestellt, anders sieht es bei den beteiligten Einrichtungen oder den Teilnehmer*innen aus, hinzu kommen Datenschutzhürden. Wenn man mit Einrichtungen wie Flughafenfeuerwehren, öffentlichen Verwaltungen oder Sparkassen zu tun hat, ist die Frage des Datenschutzes nicht mehr trivial! Man hofft zwar nicht, dass nach Corona vor Corona ist, trotzdem muss man für die Zukunft gewappnet sein. Von daher wird webbasiertes Lernen auch zukünftig eine Rolle spielen. Allerdings lässt sich Präsenzunterricht nicht vollständig substituieren. Auch die meisten Teilnehmer*innen wollen Präsenz. Von daher werden digitale Formate an Bedeutung gewinnen, aber gepaart mit Präsenzphasen, die auch zukünftig wohl das größere Gewicht haben werden.

  • Einen anderen Weg geht man bei wmp consult im Projekt "Qualifiziertes und gesundes Personal für das moderne Krankenhaus". Da zeitgleiches Lernen im Krankenhaus mit einem großen organisatorischen Aufwand verbunden ist, werden Web-Seminare nicht weiterverfolgt, statt dessen entwickelt man ein E-Learning Konzept, das individuelle Lernzeiten berücksichtigt. Auch andere durchgeführte Projekte bestätigen eine kritische Haltung zu Web-Seminaren. Sie scheinen nur für einen eingeschränkten Themenkreis zu funktionieren und auch nur dann, wenn die Teilnehmer*innen miteinander vertraut sind. Hinzu kommen fördertechnische Einschränkungen, da Maßnahmen nur dann durch Teilnehmer*innen-Einkommen kofinanziert werden können, wenn diese mindestens acht Stunden dauern. Dies funktioniert, wie Web-Konferenzen zeigen, am Stück bisher noch gar nicht.

Der große Durchbruch ist für webbasierte Lernformate auch durch die Corona-Beschränkungen noch nicht erfolgt. Festzustellen ist bei Trägern ein Experimentieren mit unterschiedlichen Lernformaten. Deutlich wird dabei, dass es ganz ohne Präsenzphasen (noch) nicht zu funktionieren scheint. Der Wunsch nach Präsenz kommt dabei von allen Seiten, von den Teilnehmer*innen, den beteiligten Unternehmen sowie den Projektdurchführenden.

Schließlich erfordern webbasierte Lernformate eine dafür notwendige Infrastruktur. Die ist zwar bei Trägern häufiger vorhanden, bei Teilnehmer*innen aber (noch) nicht selbstverständlich. Dabei geht es zum einen um die Ausstattung mit Laptop, LAN oder W-LAN-Verbindung, Kamera und Mikrofon welches bei Nichtbüroarbeitsplätzen wie in der Gesundheit oder Kita häufig nicht gegeben ist. Es geht zum anderen aber auch darum, Lernorte für webbasierte Lernformate zu schaffen. Denn die Vorstellung, dass am Arbeitsplatz - nebenbei - gelernt werden kann ist nicht tragfähig.

Eine Beförderung von digitalen Lernformaten kann aber nicht nur bei der Gestaltung der Maßnahmen und der Ausstattung ansetzen. Notwendig ist auch, die Rahmenbedingungen in den Blick zu nehmen, von denen eine indirekte Steuerung ausgeht bzw. ausgehen kann. Insbesondere die vereinfachte Dokumentation von Teilnehmer*innen-Einkommen durch den/die Teilnehmer*in selbst (Arbeitszeit in der die Qualifizierung erfolgt und die als Kofinanzierung geltend gemacht werden kann), hat dazu geführt, dass für Projektverantwortliche webbasiertes Lernen auch interessanter wird. Vor diesem Hintergrund ist die Befristung dieser vereinfachten Dokumentation der Freistellungskosten ab dem 1. September 2020 kritisch zu sehen.

Im Ergebnis sind wir mit neuen Lernformaten einen Schritt weitergekommen, haben dabei aber eher Baustellen denn Lösungskonzepte gefunden und wieder einmal festgestellt, dass es ohne Präsenzlernen noch immer nicht gut funktioniert.

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