Weiterbildungspolitik

Rat der Arbeitswelt legt ersten Bericht vor

Rat der Arbeitswelt legt ersten Bericht vor

Der erste „Arbeitswelt-Bericht“ des vom Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil, berufenen "Rates der Arbeitswelt" ist am 18. Mai 2021 erschienen. Dazu führten wir ein Interview mit Michaela Evans vom Institut Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule, Gelsenkirchen, die im Oktober 2020 als Mitglied berufen wurde.

Liebe Michaela Evans, derzeit gibt es eine Reihe von Gremien in Deutschland, die sich mit der beruflichen Aus- und Weiterbildung und Bildungsanforderungen für die Arbeitswelt auseinandersetzen. Zu nennen sind z. B. die Enquete Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt“ des Deutschen Bundestages oder die Nationale Weiterbildungsstrategie der Bundesregierung. Wo steht der „Rat der Arbeitswelt“ in diesem Set von Institutionen?

"Auftrag des Rates ist zu klären, wie sich die Arbeitswelt verändert und was Betriebe und Beschäftigte vor Ort brauchen, um für diesen Wandel gut aufgestellt zu sein. Es ist ein Anliegen, betriebliche Arbeitswelten in den Fokus zu rücken, also diejenige Ebene zu adressieren, wo die Transformation von Arbeit mit ihren Herausforderungen und Zukunftschancen unmittelbar erfahrbar wird. Ausgehend hiervon leiten wir Handlungsempfehlungen ab; - für Beschäftigte, Betriebe und natürlich auch für die Politik. Entsprechend ist der ‚Arbeitswelt-Bericht‘ als Monitoring-Instrument, „Frühwarnsystem“ und Gestaltungskompass zu verstehen. Um ein Bild von den komplexen und vielfältigen Herausforderungen zu bekommen, müssen die verteilten Datenlagen zusammengeführt und Change-Prozesse aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Dies wird auch durch die Zusammensetzung des Rates deutlich. Es geht um die Verknüpfung von betrieblicher Praxis und Wissenschaft sowie darum, vielfältige Sichtweisen, Erfahrungen und disziplinäre Zugänge für die Gestaltung der Arbeit der Zukunft zusammenzubringen. Deswegen handelt sich um keine reine Wissenschafts- oder Verbändeveranstaltung. Wichtig ist auch hervorzuheben, dass der Rat der Arbeitswelt einen breiten Branchen- und Berufsansatz verfolgt. Denn die Arbeitswelt wird immer stärker durch neue Wertschöpfungsnetze an der Schnittstelle von Produktion und Dienstleistung geprägt, d. h. wir müssen das Zusammenspiel von Branchen und Berufen stärker in den Blick nehmen.

Aber um noch mal die eingangs gestellte Frage auf den Punkt zu bringen. Ich sehe den Rat der Arbeitswelt und seine Berichterstattung als sinnvolle Erweiterung zu den oben angesprochenen Gremien und nicht in Konkurrenz."

Vielen Dank für diese Einordnung. Gerne möchten wir von Ihnen wissen, was für Sie wichtige Inhalte und Botschaften des ersten ‚Arbeitswelt-Berichts‘ sind?

„Vielfältige Ressourcen stärken – Zukunft gestalten“ ist der Titel, mit dem im ersten Bericht unter Rückgriff auf die Erfahrungen in der Corona-Pandemie wichtige Themen für die Arbeit der Zukunft adressiert werden: Zeit- und ortsflexibles Arbeiten für Betriebe und Beschäftigte gestalten, ohne den Betrieb als sozialen Ort aus dem Auge zu verlieren, die Notwendigkeit zur sozialen Sicherung für unterschiedliche Erwerbsformen oder die Förderung von Zugängen und Investitionen in Aus- und Weiterbildung. Diese Felder sind zentral für Fachkräftesicherung, Innovation und Wohlstand und unerlässlich für sozialen Zusammenhalt. Man kann nicht mehr über die Arbeit der Zukunft sprechen, ohne soziale Dienstleistungsarbeit stärker in den Fokus arbeitspolitischer Gestaltung zu rücken. Der erste Arbeitswelt-Bericht hat dies für die berufliche Pflege getan, auch darüber hinaus wird die soziale Dienstleistungsarbeit ein Thema für den Rat sein. Wir brauchen zudem einen übergreifenden Diskurs über die Arbeitswelt in Deutschland. Weder ein Branchenansatz noch ein Sektorenansatz, der nach Industrie- und Dienstleistungsbranchen unterscheidet, ist zukünftig noch tragfähig. Wir sind zunehmend mit Schnittstellen konfrontiert die ein übergreifendes Denken und Handeln erfordern.

Wenn z. B. in der Chemiebranche ein Tarifvertrag umgesetzt wird, der Pflegezusatzvereinbarungen in den Blick nimmt, dann deutet das auch an, wie wichtig künftig das Zusammenwirken von Industrie, produzierendem Gewerbe und sozialer Dienstleistungsarbeit ist. Denn zunehmend mehr Erwerbstätige kümmern sich neben ihrem Job mittlerweile um betreuungs- und pflegebedürftige Angehörige. Damit rücken auch neue Strategien für betriebliche Sozialpolitik und Sozialarbeit in den Mittelpunkt. Dies erfordert einen branchen- und berufsübergreifenden Blick.

Ein anderes Beispiel: Wenn wir die betriebliche Weiterbildung fördern wollen und fragen, was hemmend auf die Teilnahme wirkt, dann müssen wir auch die familiäre Situation der Beschäftigten in den Blick nehmen und klären, wie Weiterbildungszeiten mit familiärer Pflege-, Betreuungs- oder Erziehungsverantwortung besser zusammengehen kann. Soll heißen, wenn wir die betriebliche Weiterbildung fördern wollen, brauchen wir die Weiterentwicklung von Kooperations- und Dienstleistungsstrukturen mit Bildungsträgern und sozialen Dienstleistungsbranchen insgesamt.

"Die strukturelle Aufwertung sozialer Dienstleistungsarbeit muss konsequent weiterverfolgt werden, das ist essenziell für die Arbeit der Zukunft."

Michaela Evans

Abschließend die Frage, welche Erwartung Sie an ver.di haben, wie mit dem Bericht verfahren sollten?

Wichtig wäre es, die Themen und Handlungsempfehlungen in den Dialog zu bringen und dies auf allen Ebenen, mit Mitgliedern, aber auch mit den Arbeitgebern und mit der Politik. Fachkräftesicherung und Erhöhung der Weiterbildungsteilnahme, Zukunft von beruflicher Bildung und Personalentwicklung, etwa im Kontext der Digitalisierung, Lernen und Kompetenzentwicklung im Betrieb oder die Zukunft betrieblicher Sozialpolitik – diese Themen sollten auch in branchenübergreifenden Veranstaltungsformaten diskutiert und weiterentwickelt werden. Es geht auch darum, gemeinsame Herausforderungen in den Blick zu nehmen und zu schauen, was man voneinander lernen kann. Wo gibt es schon gute praktische Erfahrungen, von denen andere profitieren können. Denn letztlich ist es doch so, dass uns etwa die Bemerkung „Das mag ja bei anderen funktionieren, bei uns ist aber alles ganz anders“, bezogen z. B. auf Herausforderungen betrieblicher Weiterbildung, nicht den Blick für strukturähnliche Problemlagen verstellen sollte.

Ein letzter konkreter Punkt. Die strukturelle Aufwertung sozialer Dienstleistungsarbeit muss konsequent weiterverfolgt werden, das ist essenziell für die Arbeit der Zukunft. Soziale Dienstleistungsarbeit erfährt gegenwärtig u. a. durch neue Geschäftsmodelle, durch die Weiterentwicklung von Aufgaben- und Tätigkeitsfeldern wie auch durch Digitalisierung erhebliche Umbrüche. Doch im Gegensatz zu anderen Branchen fehlen valide und systematische Informationen darüber, wie Interessenvertretungen konkret in diese Transformationsprozesse eingebunden werden. Die Herausforderungen auf betrieblicher Ebene sind heute schon immens, sie werden künftig noch vielfältiger und komplexer. Da sind das komplementäre Gestaltungswissen von Interessenvertretungen unerlässlich und zusätzliche Gestaltungskapazitäten notwendig. Der Arbeitswelt-Bericht liefert im Fokus Pflege hierzu konkrete Handlungsempfehlungen.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben!

Michaela Evans ist Sozialwissenschaftlerin. Sie ist Direktorin des Forschungsschwerpunktes "Arbeit und Wandel" am Institut Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule (Gelsenkirchen). Ihre Forschungsfelder sind: Arbeitspolitik und Arbeitsbeziehungen in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft, Interessensorganisationen im Wandel, Arbeitsgestaltung in der personenbezogenen sozialen Dienstleistungsarbeit. Darüber hinaus ist sie u. a. Lehrbeauftragte an der Ruhr-Universität Bochum und an der Universität Bielefeld.

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