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Corona und Hochschulbeschäftigte

Corona und Hochschulbeschäftigte

22. April 2020 - Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Bildungsbereiche sind ähnlich, aber nicht identisch. Abhängig davon, inwieweit ein Bildungsbereich öffentlich erbracht wird, oder in welchem Umfang die Bildungsteilnehmer*innen über Erfahrungen mit selbstständiger Wissensaneignung verfügen, gibt es doch erhebliche Unterschiede. Wir lassen unterschiedliche Akteur*innen zu Wort kommen, um deren Situation zu schildern. Für die Beschäftigten an den Hochschulen haben wir mit Prof. Dr. Rita Meyer von der Leibniz Universität Hannover gesprochen.

Liebe Rita, welche Auswirkungen siehst du für die Hochschulen?

"Die Auswirkungen sind gravierend. Die Hochschulen sind geschlossen, d. h. die Hochschulen als soziale Orte der Begegnung, des wissenschaftlichen und sozialen Austauschs, entfallen und sind in ihren vielfältigen gesellschaftlichen Funktionen massiv eingeschränkt. Viele der Mitarbeiter*innen versuchen unter schwierigen Bedingungen im Home-Office zu arbeiten: die Probleme reichen von Pflege- und Betreuungsaufgaben, über technische Probleme bis hin zu psychischen Belastungen, die auch langfristig krankmachen können. Das ist aber nur die eine Seite.

Auf der anderen Seite staune ich darüber, wie hoch die Bereitschaft der Kolleg*innen ist, sich auf diese Situation einzulassen und sich trotz der widrigen Umstände irgendwie durchzuwurschteln. Die Beschäftigten an den Hochschulen, in der Verwaltung und in der Lehre zeichnen sich in dieser Krise durch ein hohes Maß an Engagement aus. Sie motivieren sich trotz technischer Hürden immer wieder selbst und bringen Höchstleistungen. Ich persönlich kenne viele Menschen, die bis an die Grenze belastet sind ... und trotzdem weitermachen.

Schade ist, dass das nicht sichtbar wird. In der öffentlichen Wahrnehmung entsteht zum Teil der Eindruck, wir hätten jetzt Freisemester. Aber tatsächlich arbeiten wir alle mehr als zum normalen Semesterbeginn."

Wie findet Lehre zurzeit statt?

"Momentan ausschließlich im Online-Format, jedenfalls alles, was machbar ist in dieser Form. Davon sind natürlich die Veranstaltungen ausgeschlossen, die auf Labore oder Werkstätten angewiesen sind. Allerdings kann ich die Lage nur für Niedersachsen einschätzen. An der Leibniz Universität Hannover ist der Semesterstart nur um eine Woche verschoben worden. Das reicht zeitlich bei weitem nicht aus, um die Lehrveranstaltungen auf Online-Lehre umzustellen. Gerade die Lehrenden mit einem hohen Lehrdeputat - und das können bis zu 18 Semesterwochenstunden sein - kommen da nicht hinterher. Wir versuchen uns alle gerade mit den vielen Tools vertraut zu machen und stoßen dabei immer wieder an, vor allem technische, Hürden. Insgesamt ist da trotz aller Offenheit und auch Verständnis für die Situation auch eine gewisse Frustration zu spüren: gerade wir Dozierenden im Feld der Pädagogik wissen ja theoretisch, wie ‚gute‘ Onlinelehre gestaltet sein müsste. Aber das werden wir ad hoc in der Praxis kaum einlösen können. Der persönliche Austausch und die Interaktion bleiben auf der Strecke. Das ist auch ohne Corona schon ein Defizit der Online-Formate und das wird nun verstärkt."

Was ist mit den Mitarbeitern mit befristeten Verträgen?

"Neben Professor*innen haben wir ja fast ausschließlich befristete Mitarbeiter*innen. Für diejenigen, die nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz beschäftigt sind, hat die die Bundesregierung eine 6-monatige pauschale Verlängerung beschlossen. Das ist schon mal ein guter Schritt. Ob das ausreichend ist, wird sich zeigen. Insgesamt würde ich mir deutlich mehr Flexibilität im Umgang mit dieser Befristungsregelung wünschen. Deutlich betroffen sind aber auch die Doktorand*innen und die Beschäftigten in den Drittmittelprojekten. Sie können z. T. ihre empirischen Daten nicht erheben. Darauf haben einige Drittmittelgeber inzwischen auch mit der Möglichkeit einer kostenneutralen Verlängerung reagiert. Aber das hilft nicht wirklich, man darf dann mit derselben Summe länger arbeiten. Durch diese finanzielle Streckung können wir die Projektmitarbeiter*innen länger beschäftigen, aber sie erhalten weniger Geld und müssen trotzdem ihre Miete bezahlen. Das macht nicht so richtig Sinn."

"Der soziale Austausch, die Interaktion mit Lehrenden und Kommiliton*innen wird zunehmend auf der Strecke bleiben."

Prof. Dr. Rita Meyer, zur Umstellung auf Online-Formate

Wie schätzt du die langfristigen Folgen ein?

"Ich denke, das alles wird die Kultur an den Hochschulen nachhaltig verändern. Nach dem Motto ‚na bitte, geht doch‘ wird die Umstellung auf Online-Formate perspektivisch sicherlich vorangetrieben. Das wird massive Folgen für Studierende und Personal an den Hochschulen haben. Die Studierenden werden in mehr oder weniger guten Online-Lehrveranstaltungen in hohem Maß in ihrer Selbstlern- und Organisationsfähigkeit gefordert. Der soziale Austausch, die Interaktion mit Lehrenden und Kommiliton*innen wird zunehmend auf der Strecke bleiben. Für mich stellt sich auch die Frage, inwieweit wir z. B. gerade die Studierenden der Lehrämter noch in Fragen zu pädagogischer Haltung, Habitus und professioneller Handlungskompetenz erreichen bzw. (aus-)bilden können. Da lässt sich die ‚face-to-face‘-Interaktion nicht ohne weiteres durch netzbasierte Formate ersetzen.

Vermutlich wird es auch zu weiteren Einschränkungen kommen: es deutet sich z. B. schon an, dass zukünftig Forschungssemester für Professor*innen mit dem Verweis auf coronabedingte Nachholbedarfe nicht mehr genehmigt werden.

Für den wissenschaftlichen Nachwuchs verliert die Hochschule als Arbeitsplatz mit diesen Entwicklungen tendenziell weiter an Attraktivität. Das wiederum wird direkt auf die Qualität von Forschung und Lehre durchschlagen."

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