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Corona und Studierende

Corona und Studierende

6. Mai 2020 - Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Bildungsbereiche sind ähnlich, aber nicht identisch. Abhängig davon, inwieweit ein Bildungsbereich öffentlich erbracht wird, oder in welchem Umfang die Bildungsteilnehmer*innen über Erfahrungen mit selbstständiger Wissensaneignung verfügen, gibt es doch erhebliche Unterschiede. Wir lassen unterschiedliche Akteur*innen zu Wort kommen, um deren Situation zu schildern. Über die Sichtweise der Studierenden haben wir mit Charlotte Reineke, Studentin an der Ruhr-Universität Bochum, gesprochen.

Liebe Charlotte, das Sommersemester ist gestartet, was ist das für eine Erfahrung für dich gewesen.

"Das Semester hat bei uns an der Universität am 20. April angefangen. Es gibt keine Präsenzveranstaltungen, sondern ausschließlich digitale Veranstaltungen. Dafür nutzen wir Moodle. Der Anfang war ein totales Chaos, ganz schnell waren alle Server überlastet. Es dauerte zum Beispiel Ewigkeiten ‚nur mal schnell‘ einen Satz im Chat zu schreiben.

Inzwischen ist das besser geworden. Die Serverleistung der Hochschule ist erhöht, aber auch Maßnahmen, dass keine Videos genutzt werden können, trägt dazu bei, dass die Kapazitäten nicht sofort ausgereizt werden."

Welche Einschätzung hast du zu den bisher wahrgenommenen Seminaren und inwieweit kannst du dir digitales Lernen an der Hochschule vorstellen?

"Es fehlt super viel an Erfahrung. Das ist ja auch kein Wunder, denn es musste ja quasi aus dem Boden gestampft werden. Aber es fehlt an vielen Stellen noch das entsprechende ‚Know-how‘. Das betrifft u. a. die Didaktik. Man kann nicht einfach das, was bei Präsenzveranstaltungen didaktisch gut funktioniert auf andere Medien übertragen. Es fehlt aber auch das Wissen über die technischen Möglichkeiten, die das jeweilige neue Medium bietet.

Wir haben verschiedene Formate: Da gibt es die Diskussionsplattformen, das ähnelt noch am ehesten den klassischen Präsenzseminaren. Da loggen sich zu bestimmten ‚Seminarzeiten‘ die Leute ein und diskutieren zu einem Thema. Es macht die Diskussionen nicht gerade einfachen, wenn man sich nicht sehen kann und seine Beiträge schreiben muss und nicht mündlich vortragen kann. Dann gibt es die sogenannten ungleichzeitigen Seminare. Hier laden wir uns Aufgaben herunter und beantworten diese jeweils individuell, indem wir unsere Antworten zurücksenden. Hier ist der Selbstlernanteil sehr groß. Es gibt auch Veranstaltungen, bei denen Vorlesungen gefilmt und ins Netz gestellt werden. Schließlich gibt es noch Fragerunden von Dozent*innen zu terminierten Zeiten. Im Grunde sind dies die bekannten Sprechstunden, jetzt jedoch in digitaler Form.

Alle geben sich ganz viel Mühe, die Situation zu meistern. Ich merke auch, dass viele von uns Studierenden Lust haben, etwas zu machen. Es setzt aber auch schon eine gewisse Frustration darüber ein, dass dem ‚Machen‘ durch die Technik doch massive Grenzen gesetzt sind."

Was meinst du, was dieses Semester für dein Studium bringt?

"Dieses Semester ist ganz klar kein normales Semester. Wir haben über die Lehre gesprochen, dort bemühen sich alle. Völlig unklar ist jedoch, wie es mit den Klausuren aussieht. Viele sollten in den Semesterferien Klausuren schreiben, diese sind ausgefallen. Wann sie nachgeholt werden können ist noch völlig offen. Und ebenso offen ist auch noch, welche Auswirkungen das auf BAföG oder Stipendien hat.

Man kann in diesem Semester einfach nicht die Leistungen bringen, die man sonst bringen kann. Da ist auch die psychische Belastung der Studierenden, die direkt oder indirekt betroffen sind, wenn z. B. Familienangehörige erkranken.

Schließlich sind auch die Lernmöglichkeiten eingeschränkt. Ich wohne in einer WG, wir sind drei Studierende. Wenn wir gleichzeitig an Web-Seminaren teilnehmen wollen, reicht auch bei uns die Netzkapazität nicht aus.

Vermutlich werden die meisten daher ein Semester länger für ihr Studium brauchen."

"Wir Studierende brauchen eine gesicherte Finanzierung; eine Sicherheit, dass wir auch in einem Monat noch Miete usw. bezahlen können."

Charlotte Reineke

Du hast das BAföG kurz angesprochen. Viele Studierende müssen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, welche Erfahrungen hast du gemacht?

"Ich bin hier zum Glück selber nicht betroffen. Ich arbeite als studentische Hilfskraft an der Universität und bin weiterhin dort beschäftigt. Aber ich habe Kolleg*innen, die arbeiten in der Gastronomie und da läuft ja bekanntermaßen zurzeit gar nichts. Es geht nicht nur um die ausgefallene Entlohnung. Es geht auch darum, dass bei vielen das Trinkgeld fast 50 % der Einnahmen ausgemacht hat.

Wir leben ja gewissermaßen von der Hand in den Mund. Ersparnisse zu bilden, um solche Zeiten zu überstehen, können wir nicht und das ist ja auch durch das BAföG nicht vorgesehen.

Ich habe eine Kollegin, die überlegt das Studium aufzugeben, da sie sich das nicht mehr leisten kann. Sie hat kein Einkommen mehr für den Lebensunterhalt. Es gibt zwar die Möglichkeit das der Sozialbeitrag, also der Semesterbeitrag, erlassen werden kann, ausreichen tut das aber überhaupt nicht."

Was braucht es denn, damit die Studierenden jetzt über die Runden kommen?

"Wir Studierende brauchen eine gesicherte Finanzierung; eine Sicherheit, dass wir auch in einem Monat noch Miete usw. bezahlen können. Das kann unterschiedlich ausgestaltet sein, z. B. ein kurzfristiges BAföG mit kurzfristigen Bearbeitungszeiten oder ein aus öffentlichen Mitteln finanzierter Solidaritätsfonds. Irgend so etwas braucht es, um Sicherheit zu schaffen, damit nicht gerade die, deren Eltern keine Akademiker sind und die ihre Kinder nicht unterstützen können, sich aus dem Studium zurückziehen."

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