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Corona und Prüfer*innen

Corona und Prüfer*innen

9. April 2020 - Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Bildungsbereiche sind ähnlich, aber nicht identisch. Abhängig davon, inwieweit ein Bildungsbereich öffentlich erbracht wird, oder in welchem Umfang die Bildungsteilnehmer*innen über Erfahrungen mit selbstständiger Wissensaneignung verfügen, gibt es doch erhebliche Unterschiede. Wir lassen unterschiedliche Akteur*innen zu Wort kommen, um deren Situation zu schildern. Für die Prüfer*innen haben wir mit Kerstin Kramer gesprochen. Neben ihrer Tätigkeit bei der Bundesagentur für Arbeit ist sie ehrenamtlich als Prüferin für die Aus- und Weiterbildungspädagog*innen sowie die Ausbildereignungsverordnung (AEVO) tätig.

Liebe Kerstin, bei Fortbildungsprüfungen stellt sich die aktuelle Situation rund um die Corona-Kreise etwas anders dar als bei Ausbildungsprüfungen. Dadurch, dass in der Regel keine Lehrgangsverpflichtung für die Zulassung zur Prüfung besteht, sind Lehrgang und Prüfung entkoppelt. Was bedeutet das jetzt für Fortbildungsprüfungen, finden diese statt, fallen aus oder werden verschoben?

"Zurzeit finden keine Prüfungen statt. Was mit den Prüfungen passiert, die während des 'Corona-Zeitraums' geplant waren, ist unterschiedlich und hängt von der Art der Prüfungen ab.

Die AEVO-Prüfungen, die im Prinzip monatlich durchgeführt werden, versucht man zu schieben. Die Prüfungen, die jetzt im April stattfinden sollten, werden vorläufig in den Juli geschoben. Bei den Prüfungen, die im Mai stattfinden sollen, ist noch offen, ob diese stattfinden oder ob man diese eventuell in den Juni schiebt.

Maßnahmen mit einem längeren Volumen können derzeit nicht zum Abschluss gebracht werden. Beispielsweise kann die Abschlussprüfung für den Aus- und Weiterbildungspädagogen, die in der Regel im Frühjahr und im Herbst stattfindet, dieses Frühjahr nicht angeboten werden. Sie fällt aus, Teilnehmer*innen werden dann auf die Prüfung im Herbst verwiesen. Dass macht natürlich auch Sinn, da aktuell auch keine Prüfungsvorbereitungskurse angeboten werden.

Vollkommen anders gestaltet sich die Situation bei Fortbildungen, für die keine Abschlussprüfung vorgesehen ist, sondern nur eine Teilnahme bestätigt und ein Zertifikat ausgestellt wird. Die Rehabilitationspädagogische Zusatzqualifikation für Ausbilder*innen (ReZA) ist eine solche Fortbildung. Wie damit umgegangen wird, ist noch völlig offen. Die Träger von Reha-Maßnahmen benötigen die Qualifikation für ihr Personal, um die Maßnahmen durchzuführen, und haben das auch schon eingeplant. Sollen Präsenzphasen verschoben werden oder werden Zertifikate trotz fehlender Lerneinheiten ausgestellt? Hier ist noch alles offen."

Welche Auswirkungen hat das auf das Prüfungsgeschehen?

"Vorstellbar ist, dass wir in einzelnen Bereichen zu einer Qualitätsverschlechterung kommen. Ich will das an der AEVO deutlich machen. Wenn jetzt die Prüfungen wie eingangs beschrieben zeitlich nach hinten gerückt werden, können wir – hoffentlich – im Mai oder Juni Prüfungen abnehmen. Gelegenheit für Prüfungskandidat*innen sich durch Teilnahme an einer Präsenzveranstaltung auf die Prüfung gründlich vorzubereiten, hatten die Kandidat*innen aber nicht. Vielleicht bestand die Möglichkeit, hierfür ein Online-Tool herzuzuziehen. Das bedeutet aber, dass wir in einem Bereich, in dem wir schon grundsätzlich mit der Qualität nicht glücklich sind, eine weitere zumindest temporäre Verschlechterung haben werden."

Welche Auswirkungen hat das für dich als Prüferin?

"Die Zahl der Prüfungen wird nicht weniger, das ändert sich nicht wesentlich durch die Krise. Was sich ändert ist der Zeitraum in dem die Prüfungen durchgeführt werden. Der ist jetzt deutlich zusammengeschrumpft. Zum Beispiel werden wir im Herbst vermutlich doppelt so viele Prüfungen zu Aus- und Weiterbildungspädagog*innen haben wie sonst üblich, einfach da im Frühjahr die Prüfungen ausgefallen sind.

Wie ich meinem Arbeitgeber die voraussichtliche Häufung von Abwesenheit im Herbst wegen der Durchführung von Prüfungen erklären soll, weiß ich noch nicht. Ich sehe hier auch eine große Gefahr. Die neue Prüferdelegation aus dem modernisierten Berufsbildungsgesetz, insbesondere die Zweierdelegation nach § 42 Abs. 5, die wir gewerkschaftlichen Prüfer*innen als problematisch ansehen, könnte sich aufgrund der Vielzahl abzunehmender Prüfungen dann als sachlich notwendig erweisen und dauerhaft etablieren; auch wenn wir dies eigentlich nicht wollen.“

Hast du eine Vorstellung, welche Auswirkungen sich vielleicht für diejenigen ergeben, die an einer Fortbildung teilnehmen wollten bzw. anteilig teilgenommen haben?

"Gerade Aufstiegsfortbildungen werden häufig absolviert, da sie mit Erwartungen eines beruflichen Aufstiegs im Betrieb verbunden sind. Hierzu gibt es teilweise auch betriebliche Vereinbarungen über einzunehmende Positionen nach Abschluss der Maßnahme. Völlig offen ist, was mit diesen individuellen Vereinbarungen passiert. Das gleiche kann auch bei der Ausbildung passieren. Auch hier kann es eine Vereinbarung für die Zeit nach der Ausbildung gegeben haben. Ob diese noch verbindlich sind, ist völlig offen. ver.di sollte diese Frage stellen und auf eine befriedigende Antwort drängen. Gerade vor dem Hintergrund, dass sich mit dem Ende der Corona-Krise Spannungen auf dem Arbeitsmarkt abzeichnen, könnten sich viele Arbeitgeber mit dem Hinweis aus der Verantwortung ziehen, dass zum vereinbarten Zeitpunkt die angebotene Stelle wegen fehlendem Abschluss der Qualifikation nicht angetreten werden konnte."

Siehst du noch weitere Punkte, die auf uns zukommen könnten, die wir bisher noch gar nicht im Blick haben?

"Wichtig ist, dass ver.di darauf drängt, dass die Ausnahmen, denen sie zur Bewältigung der Krise zugestimmt haben, nicht zur Regel werden und Standards der Qualität aber auch Mitbestimmung nicht dauerhaft abgesenkt werden."

Kerstin Kramer

"Ich kann mir vorstellen, sollte die Krise noch länger andauern, dass quasi durch die Hintertür ein verändertes Rollenverständnis von Prüfungsausschuss und beruflichen Schulen in der Erstausbildung auf uns zukommt. Möglicherweise bekommen dann die laufenden Leistungsnachweise in den beruflichen Schulen ein anderes Gewicht. Konkret: Der Durchschnitt der Leistungsnachweise ersetzt den schriftlichen Teil der Abschlussprüfung. Zwar sind wir schon länger nicht wirklich glücklich mit dem schriftlichen Teil der Abschlussprüfung aber in einem ungeregelten Prozess wollen wir diesen auch nicht an die beruflichen Schulen abgeben.

Wichtig ist, dass ver.di darauf drängt, dass die Ausnahmen, denen sie zur Bewältigung der Krise zugestimmt haben, nicht zur Regel werden und Standards der Qualität aber auch Mitbestimmung nicht dauerhaft abgesenkt werden."

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